So gelingt französische Aussprache
Liaison
Die Liaison ist sicherlich eines der bekanntesten – und gefürchtetsten – Phänomene des Französischen. Sie hängt gleichzeitig von phonologischen, graphematischen, morphologischen, syntaktischen, lexikalischen und diasystematischen Faktoren ab und ist zudem einer starken inhärenten Variation unterworfen. Verstehen kann man ihre Komplexität in vielen Punkten nur unter Rückgriff auf die Diachronie. Geht es jedoch lediglich darum, sich als Lerner*innen eine korrekte französische Aussprache anzueignen, ist die Liaison weit weniger schwierig als gemeinhin angenommen. Es ist nämlich völlig ausreichend, sich die überschaubare Zahl der obligatorischen bzw. sehr gebräuchlichen Liaisons einzuprägen. Erst die zahllosen Regeln für die fakultative Liaison, mit der man sich meist gewählter ausdruckt als angebracht, verleiten Lerner*innen, die das Französische v. a. aus schriftlichen Texten kennen, dazu, zu viele und auch falsche Liaisons zu realisieren.
Definition
Unter Liaison versteht man die Realisierung eines ansonsten stummen Endkonsonanten vor einem mit Vokal oder Gleitlaut beginnenden Wort, z. B. des [t] in petit ami [pətitami], das nicht gesprochen wird, wenn das Wort isoliert steht oder ihm ein Konsonant folgt (petit [pəti]; vgl. Abb. 103).
Der Ausdruck Liaison (genauso wie dt. Bindung) ist allerdings irreführend. Die Tatsache, dass der entsprechende Konsonant, im Beispiel petit ami das [t], ‘gebunden’, d. h. als Onset der ersten Silbe des Folgewortes ausgesprochen wird ([pə.ti.ta.mi]), ist nämlich nicht der entscheidende Faktor. Dies geschieht genauso beim enchaînement consonantique (vgl. Kapitel 6.4). Das Spezifische an der Liaison ist vielmehr, dass der betreffende Konsonant in anderen Umgebungen nicht ausgesprochen wird. Der Unterschied zwischen Liaison und enchaînement consonantique lässt sich gut an der Lautkette [pə.ti.ta.mi] verdeutlichen, hinter der sich zwei verschiedene Zeichenketten verbergen können: petit ami und petite amie (vgl. Abb. 104).
Im Falle von petite amie sind alle Segmente, die in der zusammenhängenden Rede realisiert werden, bereits in der Aussprache der isolierten Wörter vorhanden. Auffällig ist allein, dass die Silbengrenze nicht mit der Wortgrenze übereinstimmt, wo das Folgewort mit Vokal anlautet: [pə.ti.ta.mi], *[pə.tit.a.mi]. Steht nach dem Wort petite dagegen ein Wort mit anlautendem Konsonant, kann dieses Phänomen nicht beobachtet werden: petite copine [pə.tit.kɔ.pin]. Bei petite amie findet also ein enchaînement consonantique statt: Der Onset [t] der Silbe [ta] stammt aus dem Wort petite, der Nukleus [a] aus dem Wort amie. In petit ami dagegen findet eine Liaison statt. Hier taucht mit [t] ein zusätzlicher Konsonant auf, der in Isolation nicht ausgesprochen wird: petit [pəti].
In bestimmten Situationen, insbesondere bei der öffentlichen Rede (u. a. durch die visuelle Präsenz der Graphie), wird die Liaison gelegentlich auch ohne enchaînement realisiert. Dadurch bleibt die Wortgrenze klar erkennbar, was durch einen Glottisschlag oder ein Hesitations-euh (hier als [oː] transkribiert) noch verstärkt werden kann, z. B. in son interprétation [sɔ̃noː.ʔɛ̃tɛʁpʁetasjɔ̃]. In der Spontansprache taucht dieses Phänomen jedoch nicht auf. Die Existenz der Liaison ohne enchaînement ist ein weiteres Argument dafür, dass Liaison und enchaînement als prinzipiell voneinander unabhängig betrachtet werden sollten.
Während das enchaînement jeden finalen Konsonanten betreffen kann, ist die Anzahl der Liaison-Konsonanten begrenzt. Die mit Abstand wichtigsten Liaison-Konsonanten sind /z/, /t/ und /n/: Etwa die Hälfte der Liaisons werden auf /z/ realisiert, die andere Hälfte auf /t/ oder /n/ (vgl. Abb. 105). Die übrigen – /ʁ/, /p/ und /v/ – machen weniger als 1 % der Fälle aus (vgl. Leon 1992, Durand/Lyche 2008). Der Liaison-Konsonant /k/ (z. B. in long été [lɔ̃kete] oder sang impur [sɑ̃kɛ̃pyʁ] in der Marseillaise) ist heute nicht mehr gebräuchlich.
In einigen Fällen geht mit der Liaison eine Veränderung der Qualität des dem Liaison-Konsonanten vorangehenden Vokals einher:
- Denasalierung des [ɛ̃] bei der Liaison auf [n], z. B. in certain âge [sɛʁtɛnaʒ]1 (Ausnahmen: rien und bien),
- Öffnung des [e] zu [ɛ] bei der Liaison auf [ʁ], z. B. in léger ennui [leʒɛʁɑ̃nɥi], premier étage [pʁəmjɛʁetaʒ], dernier homme [dɛʁnjɛʁɔm],
- Öffnung des [o] zu [ɔ] bei der Liaison von trop, z. B. in trop abstrait [tʁɔpapstʁɛ].
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| Nachgefragt bei Prof. Dr. Elissa Pustka | 20.05.2026 |
| „Die Aussprache ist wie ein Schleier, der sich über die gesamte Sprache legt“ | |
| Die Aussprache des Französischen ist für viele Lernende eine große Hürde, die allerdings nicht zu umgehen ist. Eine gute Aussprache trägt zur besseren Verständigung untereinander bei und erleichtert somit auch den weiteren Lernweg. Ihr sollte daher im Fremdsprachenunterricht ein besonderes Gewicht beigemessen werden, auch um die Motivation der Lernenden aufrechtzuerhalten. Doch wie genau kann dieser Fokus auf Aussprache sinnvoll und nachhaltig umgesetzt werden? mehr … |
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Ausspracheregeln
In der normativen Tradition unterscheidet man zwischen obligatorischer, fakultativer und verbotener Liaison; in der empirischen Phonologie entsprechen diesen die kategorische, die variable und die unmögliche Liaison. Neuere Korpusuntersuchungen haben gezeigt, dass in der Spontansprache sehr viel weniger Liaisons realisiert werden als man es angenommen hatte und dass die variable Liaison weniger von Situation und Stil abhängt, sondern v. a. zwischen den Sprecher*innen variiert. Aus diesem Grund werden die traditionell als fakultativ bezeichneten Liaisons im Folgenden noch einmal zusätzlich in häufige und seltene Liaisons unterteilt. Die häufigen sollten sich die Lerner*innen gemeinsam mit den kategorischen Liaisons einprägen; ihre konsequente Realisierung ist in jedem Fall korrekt und unauffällig. Ergänzend werden Listen von seltenen und unmöglichen Liaisons mitgeliefert. Ziel dieses Unterkapitels ist es, eine möglichst einfache Ausspracheanleitung für den Fremdsprachenunterricht zu liefern. Auf Variationen im aktuellen Sprachgebrauch wird hingewiesen; für die Analyse der Realisierungsfaktoren der Liaison sei auf Kapitel 9.5 verwiesen.
Die Realisierung oder Nicht-Realisierung der Liaison hängt in erster Linie vom Grad der syntaktischen und prosodischen Kohäsion ab (vgl. Kapitel 9.5). Diese ist am stärksten innerhalb einer syntaktischen Gruppe zwischen einem (betonbaren) Lexem und einem (unbetonten) Klitikon, also typischerweise zwischen Determinante und Substantiv oder Verb und Pronomen. Vorangestellte Adjektive sowie einsilbige Präpositionen und Adverbien nehmen eine Zwischenstellung ein, weswegen die Liaison hier nicht immer kategorisch, aber dennoch sehr häufig ist. Außerdem hat sich die Liaison in einer Reihe Komposita und fester Konstruktionen konventionalisiert. Für die Lerner*innen ist es daher sinnvoll, sich die in Abb. 107 aufgelisteten Kontexte als obligatorisch einzuprägen.
Empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass in einigen dieser Kontexte die Liaison auch ausbleiben kann:
- Adjektiv + Substantiv: Bei selteneren Adjektiven wird die Liaison nicht immer realisiert. Bei Adjektiven auf -s wird sie im Singular gemieden (z. B. gros | arbre), da das Liaison-/z/ vor Substantiv für den Plural steht (z. B. gros [z]arbres; vgl. Kapitel 9.5). Außerdem wird in vielen Fällen die Voranstellung des Adjektivs schlicht vermieden, wenn das folgende Substantiv mit Vokal anlautet.
- Einsilbige Präposition +: Die Liaison erfolgt kategorisch bei en, aber nicht immer bei dans und sans. Bei chez hängt sie vom folgenden Kontext ab: Sie wird immer vor einem Pronomen realisiert (z. B. chez [z]elle), jedoch nicht immer vor einer Nominalgruppe (z. B. chez ([z])une amie).
- Einsilbiges Adverb +: Die Liaison wird immer nach très, plus und tout realisiert, jedoch nicht immer nach moins, bien, mieux, trop und rien; nach den Negationspartikeln pas, jamais und point ist sie eher selten.
Besonders schwierig ist die Einordnung der konjugierten Formen des Verbs être, deren Liaison-Verhalten sehr stark variiert. Dafür sind u. a. die Qualität des beteiligten Liaison-Konsonanten (/t/ oder /z/), die Silbenzahl und die Frequenz der entsprechenden Form im Sprachgebrauch verantwortlich (vgl. Kapitel 9.5).
Neuere Studien haben gezeigt, dass viele traditionell als fakultativ aufgeführte Liaisons nur sehr selten sind, in ganz spezifischen Situationen (z. B. beim Vorlesen von Nachrichtentexten in Radio und Fernsehen) bzw. nur von ganz bestimmten Sprecher*innen überhaupt realisiert werden und z. T. als sehr gewählt eingestuft werden. Für die Lerner*innen reicht es daher aus, sie passiv zu kennen, beispielsweise um keine Verständnisschwierigkeiten beim Anhören französischer Nachrichtensendungen zu haben. Die wichtigsten Kontexte sind in Abb. 109 aufgelistet.
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| Zur Autorin |
| Elissa Pustka ist Universitätsprofessorin für Sprach- und Kommunikationswissenschaft am Institut für Romanistik der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Mündlichkeit, speziell der Phonetik und Phonologie sowie der inszenierten Mündlichkeit im Comic, in Sprachkontakt, Variation und Wandel sowie in Fremdspracherwerb und -didaktik. Sie ist Autorin zahlreicher Lehrbücher. |
| Einführung in die Phonetik und Phonologie des Französischen Von Elissa Pustka
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Programmbereich: Romanistik