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Plädieren für Sprach- und Kulturvermittlung auch in Zeiten von KI: Karoline Henriette Heyder (links) und Claudia Schlaak (rechts). (Foto links: privat; Foto rechts: Rainer Christian Kurzeder)
Nachgefragt bei Dr. Karoline Henriette Heyder und Prof. Dr. Claudia Schlaak

„Sprach- und Kulturvermittlung sind eng miteinander verbunden“

ESV-Redaktion Philologie
02.02.2026
Fremdsprachenunterricht umfasst unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen weit mehr als Wortschatz und Grammatik: Er eröffnet neue Perspektiven, stärkt inter- und transkulturelle Kompetenzen und leistet einen wichtigen Beitrag zu gesellschaftlicher Verständigung. Doch wie kann ein zeitgemäßer Fremdsprachenunterricht diese Aufgaben erfüllen? Und welche Herausforderungen stellen sich dabei?
Im Interview geben unsere Autorinnen Karoline Henriette Heyder und Claudia Schlaak Einblicke in ihr neu im Erich Schmidt Verlag erscheinendes Buch Einführung in die Fachdidaktik Französisch und beschreiben, wie ein zeitgemäßer Französischunterricht Sprache, Kultur, Inklusion und Potenzialorientierung miteinander verbindet sowie mit der Herausforderung einer reflektierten Einbindung von KI in Lernkontexte umgeht.

Liebe Frau Heyder, liebe Frau Schlaak, Ihre Einführung bringt zukünftigen Französisch-Fachdidaktikerinnen und -Fachdidaktikern ihr Metier näher. Welchen Stellenwert hat die Sprach- und Kulturvermittlung dabei?

Karoline Henriette Heyder: Einen sehr großen. Für uns sind die Sprach- und die Kulturvermittlung eng miteinander verbunden. Neben der Vermittlung sprachlicher Kompetenzen hat die Förderung inter- und transkultureller Kompetenzen einen besonderen Stellenwert. Dies war schon immer so, ist aber in der aktuellen Zeit besonders relevant: Zum einen nimmt der Einsatz Künstlicher Intelligenz stetig zu. Dabei wird immer wieder geäußert, der Fremdsprachenunterricht sei daher langfristig für weite Teile der Bevölkerung obsolet. Dem ist aus unserer Sicht nicht so. Dies sei an einem plakativen Beispiel verdeutlicht: Zwar können etwa digitale Anwendungen bereits jetzt fast in Echtzeit Übersetzungen vornehmen, eine Kontrolle und häufig auch Nachkorrektur ist jedoch vonnöten. Dies liegt daran, dass KI weder über interkulturelle noch über transkulturelle Kompetenzen verfügt. So können etwa bei Mehrfachbedeutungen eines Wortes oder idiomatischen Wendungen fatale Missverständnisse entstehen. Zum anderen ist die Gegenwart durch multilaterale Konflikte geprägt. Die Vermittlung sprachlicher und kultureller Kompetenzen hat unserer Ansicht nach maßgeblichen Einfluss auf gesellschaftliche und politische Entwicklungen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Geschichte des Französischunterrichts, der wir in unserem Buch ein eigenes Kapitel widmen, ist das beste Beispiel hierfür. Ohne die intensiven und erfolgreichen Bemühungen der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Förderung der Jugendarbeit und des Französischunterrichts in Deutschland wäre eine friedvolle Zusammenarbeit, wie wir sie derzeit erleben, vermutlich so nicht gegeben.

Welche weiteren Schwerpunkte verfolgt Ihr Buch?

Karoline Henriette Heyder: Wir befassen uns in unserem Buch neben den klassischen Themen einer Einführung in die Fachdidaktik Französisch, d. h. etwa den didaktisch-methodischen Prinzipien des Französischunterrichts und der Förderung bestimmter Kompetenzen in eben diesem Unterricht, v. a. mit derzeit besonders relevanten Themen, u. a. der bereits angesprochenen Digitalisierung und dem Einsatz von KI im Französischunterricht. Zudem legen wir einen Fokus auf die Förderung der Bildung für nachhaltige Entwicklung im Französischunterricht, ein Thema, das bisher sowohl in den Bildungsvorgaben für den Französischunterricht als auch in der einschlägigen Forschung noch wenig thematisiert wird. Mehrere Kapitel widmen wir darüber hinaus Aspekten von Heterogenität, Diversität und Inklusion mit einem Schwerpunkt auf Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität. Hier betrachten wir auch neuere Ansätze wie den der Potenzialorientierung.

Sie sprechen von einem potenzialorientiert-inklusiven Ansatz, den Sie dem klassischen inklusiven vorziehen. Was verstehen Sie darunter und worin unterscheiden sich diese?

Claudia Schlaak: Wenn wir von einem potenzialorientiert-inklusiven Ansatz sprechen, möchten wir hiermit keinen Gegensatz zur Inklusion aufmachen, sondern eher eine Weiterentwicklung des inklusiven Ansatzes vorstellen. Inklusion zielt ja darauf, individuelle Bedarfe zu erkennen und Lernende bestmöglich zu unterstützen – das ist wichtig. Allerdings bleibt der Blick dabei oft auf Defizite gerichtet: also darauf, was jemand nicht kann. Der potenzialorientierte Ansatz dreht diese Perspektive um. Er fragt: Was bringen die Schüler:innen bereits mit? Welche Stärken, Interessen oder Lernstrategien können wir aufgreifen und weiterentwickeln? Es geht also weniger um den Ausgleich von Schwächen als um die Entfaltung vorhandener Potenziale – und das bei allen Lernenden, unabhängig von ihren Voraussetzungen. So entsteht eine Lernkultur, die Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Chance versteht – und genau darin sehen wir den Mehrwert dieses Ansatzes, den wir in der Einführung vorstellen und bei unseren Ausführungen beherzigen.

Inwieweit lassen sich einzelne Kapitel Ihres Buchs gut in eine Französischstunde integrieren?

Claudia Schlaak: Viele Kapitel unseres Buchs lassen sich sehr gut in die Unterrichtspraxis integrieren, weil die gesamte Einführung stark praxisorientiert angelegt ist. Uns war wichtig, theoretische Grundlagen immer mit konkreten Beispielen aus der Praxis zu verknüpfen. Das zieht sich durch alle Kapitel – ob bei der historischen Entwicklung des Französischunterrichts, bei aktuellen didaktischen Ansätzen oder bei gesellschaftlich relevanten Themen. Besonders hilfreich für die Unterrichtspraxis ist sicher das Kapitel 5 zur Unterrichtsplanung. Dort zeigen wir an zwei konkreten Anwendungsfällen, wie man eine Französischstunde planen, durchführen und evaluieren kann – also von der Analyse der Lerngruppe über die Formulierung von Kompetenzzielen bis hin zur Auswahl geeigneter Methoden, Medien und sogar zur Erstellung von Stundenverläufen. Kurz gesagt: Die Kapitel sind so aufgebaut, dass sie Französischlehrkräften direkt Impulse und Werkzeuge an die Hand geben, die sich ohne große Umwege in den Unterricht integrieren lassen.

Auszug aus: „Einführung in die Fachdidaktik Französisch“ 02.02.2026
Ansätze der Inklusion im Französischunterricht
Angehende Lehrerinnen und Lehrer beschäftigen sich im fachdidaktischen Teil ihres Studiums mit Konzepten und Theorien, die ihnen helfen sollen, Unterricht so zu gestalten, dass alle Lernenden bestmöglich unterstützt werden – zumal vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und bildungspolitischer Entwicklungen. Dabei rücken Fragen nach Chancengerechtigkeit, Teilhabe und dem Umgang mit individuell heterogenen Voraussetzungen im Klassenzimmer zunehmend in den Mittelpunkt. mehr …

Die Zahlen für das Schulfach Französisch sind derzeit rückläufig. Wie lässt sich dem Ihrer Meinung nach begegnen?

Karoline Henriette Heyder: Hier würden wir gerne auf unsere Antwort auf Ihre erste Frage zurückkommen. Wir sind der Auffassung, dass die Vertreterinnen des Faches Französisch – und zwar sowohl die Lehrkräfte an den Schulen als auch die im universitären Bereich Tätigen – potenziellen Schüler:innen und deren Eltern ebenso wie Entscheidungsträger:innen in Politik und Verwaltung gegenüber Aufklärungsarbeit leisten müssen. Dabei muss v. a. auf die große Relevanz der Vermittlung kultureller und sprachlicher Kompetenzen und deren Bedeutung wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, aber auch literarisch-ästhetischer Art hingewiesen werden. Es ist zu verdeutlichen, inwiefern der Französischunterricht dazu beitragen kann, Perspektiven zu erweitern, den Zugang zu frankophonen Kulturen und deren Erzeugnissen weltweit zu ermöglichen, aber auch dazu beizutragen, dass Schüler:innen ihr eigenes Denken und Handeln nachhaltig reflektieren.
Zudem trägt sicherlich eine Modernisierung des Französischunterrichts zu einer höheren Attraktivität des Fachs bei. Dies betrifft alle Ebenen des Unterrichts, von den Methoden über den Medieneinsatz bis zu den Curricula. Insbesondere die genannten Schwerpunktaspekte unseres Buches, namentlich die Digitalisierung, die Bildung für nachhaltige Entwicklung, die Umsetzung eines inklusiven Französischunterrichts und die Förderung mehrsprachiger und mehrkultureller Kompetenzen, sind dabei zu berücksichtigen. Dies sei am Beispiel des Potenzials von Französisch als Brückensprache erläutert: Wenn Eltern und Schüler:innen transparent gemacht wird, inwiefern zum einen vorhandene herkunftssprachliche Kompetenzen etwa im Türkischen z. B. zum Wortschatzerwerb im Französischen genutzt werden können und zum anderen Kenntnisse des Französischen nicht nur das Erlernen der anderen romanischen Sprachen, sondern auch des Englischen erleichtern, erhöht dies sicherlich die Attraktivität des Faches.

Zu guter Letzt: Inwieweit wird die KI das Fremdsprachenlernen in der Schule verändern? Sehen Sie hierin eher eine Gefahr oder eine Chance?

Karoline Henriette Heyder: Diese Frage wird uns oft gestellt und häufig hat man dabei den Eindruck, man solle sich für oder gegen den Einsatz von KI im bzw. für den Französischunterricht aussprechen. Daher ist es uns zunächst wichtig, zu betonen, dass KI inzwischen omnipräsent ist und es gilt, diese Realität zu akzeptieren. Unseres Erachtens birgt sie hinsichtlich des Französischunterrichts große Potenziale, aber auch Herausforderungen, auf die wir z. T. bereits eingegangen sind. Aus fachdidaktischer Sicht sind etwa Lernaufgaben und Prüfungsformate zu überdenken. So müssen in häuslicher Arbeit geschriebene Texte mündlich diskutiert werden, um Eigenleistungen transparent zu machen. Besonders wichtig ist im Hinblick auf den Einsatz von KI im Französischunterricht, den Schüler:innen Kompetenzen zur kritischen Reflexion der von KI erstellten Produkte zu vermitteln. Sie müssen nicht nur Wissen darüber erwerben, wie KI arbeitet und aus welchen Wissensbeständen sie sich speist, sondern auch Kompetenzen erwerben, KI-generierte Ergebnisse zu kontrollieren und zu verbessern. Letztlich muss ihnen klar sein, dass der Einsatz von KI sicherlich in vielen Bereichen hilfreich und arbeitserleichternd sein kann, es aber immer auch Expert:innen geben muss, die KI „füttern“ und optimieren.

Vielen Dank für das interessante Interview!

Sie sind neugierig geworden? Dann können Sie die Einführung hier bestellen.

Zu den Autorinnen
Dr. Karoline Henriette Heyder ist Lektorin für Fachdidaktik der romanischen Sprachen an der Universität Bremen. Sie verfügt über umfangreiche Erfahrungen in der fachdidaktischen, aber auch der landeswissenschaftlichen Lehre. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Mehrsprachigkeit und -kulturalität, Bildung für Nachhaltige Entwicklung, Inklusion und Comics im Unterricht der romanischen Sprachen.

Claudia Schlaak ist Professorin für Fremdsprachenlehr- und -lernforschung: Didaktik des Französischen und Spanischen an der Universität Kassel. Sie verfügt über ein abgeschlossenes Lehramtsstudium (Gymnasium) für die Fächer Französisch, Spanisch, Politische Bildung und Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache sowie eine mehrjährige praktische Erfahrung in mehreren Schultypen und Bildungseinrichtungen. 2021 habilitierte sie sich an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Mehrsprachigkeitsdidaktik, Fremdsprachendidaktik und Inklusionspädagogik, Digitalisierung, Bildung für Nachhaltige Entwicklung sowie Wortschatz- und Grammatikarbeit in einem kompetenzorientierten Fremdsprachenunterricht.

Einführung in die Fachdidaktik Französisch
Von Claudia Schlaak und Karoline Henriette Heyder

Das Buch führt Studierende des Fachs Französisch, Französischlehrkräfte und in der Sprach- und Kulturvermittlung Tätige in die Grundlagen der Fachdidaktik Französisch ein. Neben klassischen Themen einer Einführung werden insbesondere aktuell den Französischunterricht prägende Schwerpunkte zur Mehrsprachigkeit und -kulturalität, Inklusion, Digitalisierung und Bildung für Nachhaltige Entwicklung im Französischunterricht behandelt. Auch werden aktuelle bildungspolitische Dokumente, namentlich der Begleitband zum Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (Europarat 2020) und die nationalen Bildungsstandards für die erste Fremdsprache (KMK 2023) einbezogen. Es handelt sich um eine praxisnahe Einführung, die sowohl konkrete Beispiele für die Unterrichtspraxis als auch umfangreiche Erläuterungen zur Unterrichtsplanung umfasst. Am Ende jeden Kapitels finden sich Fragen zum Selbstlernen sowie ein Kurzrésumé in französischer Sprache. Das Buch ist so aufgebaut, dass die Leserinnen und Leser sich kontinuierlich in die wichtigsten Bausteine der Französischdidaktik einarbeiten können, aber auch die Möglichkeit haben, nur einzelne Teilkapitel herauszugreifen, da alle Oberkapitel als in sich geschlossene Einheiten zu verstehen sind.
Leserinnen und Leser können die vorliegende Einführung nicht nur im Studium nutzen, sondern auch während des Referendariats und später in der beruflichen Praxis davon profitieren. So werden in der Einführung wissenschaftliche Aspekte mit konkreten Praxisbeispielen kombiniert.

Programmbereich: Romanistik