„Sprachliches Lernen setzt voraus, dass es eine reiche und kommunikativ anregende sprachliche Umgebung gibt”
Doch wie stark unterscheiden sich DaZ-Lerndende von DaF-Lernenden? Wie können unterschiedliche sprachliche Erfahrungen und Hintergründe optimal in den Unterricht integriert werden?
Diese und weitere Themen werden von Prof. Dr. Hans-Werner Huneke und Prof. Dr. Wolfgang Steinig in der neuen Auflage ihres Werkes „Deutsch als Fremd-und Zweitsprache” behandelt. In unserem Interview mit den Autoren sprechen wir über Unterschiede zwischen Deutsch als Fremd-und Zweitsprache, die Vorteile von Mehrsprachigkeit und die Frage nach einem optimalen Sprachunterricht in einem stark medial geprägten Klassenzimmer.
Hans-Werner Huneke: Eine Unterscheidung zwischen Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Deutsch als Zweitsprache (DaZ) ist zwar möglich – bei DaF findet das Lernen im Rahmen einer Bildungseinrichtung meist außerhalb des deutschsprachigen Raums statt, während es sich bei DaZ um einen ungesteuerten Erwerb im deutschsprachigen Alltagsleben handelt, der durch institutionelle Lernangebote unterstützt werden kann. Dies entspricht jedoch immer weniger der Wirklichkeit vieler Lernender. Einige lernen Deutsch, um anschließend in einem deutschsprachigen Land einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen, andere sind eingereist und besuchen einen Sprachkurs, wissen aber noch nicht, ob sie dauerhaft bleiben können oder wollen. Vor allem für sehr viele Kinder und junge Menschen geht es darum, nicht nur die Alltagssprache, sondern auch die schulische Bildungssprache und die schriftnahen Varietäten zu erwerben. Das gilt aber auch für einsprachig deutsche Kinder. Zudem eröffnen die digitalen Medien Kommunikationsräume, die nicht mehr von topographischen Grenzen abhängig sind. Es wird also eine Sprachdidaktik benötigt, die sprachliches Lernen übergreifend versteht.
Bis vor kurzem wurden die beiden Bereiche DaF und DaZ in der Wissenschaft eher getrennt gesehen. Was hat dazu geführt, dass diese Trennung immer mehr diffundiert?
Hans-Werner Huneke: In der Fremdsprachenforschung und -didaktik hat eine Umorientierung stattgefunden: Weg von einer mitunter einseitigen methodischen Ausrichtung (Wie soll man unterrichten?) hin zu einer Ausrichtung an den tatsächlichen Vorgängen beim Lernen und Erwerben. Dies hat zu einem wesentlich differenzierteren Bild geführt, das die alte binäre Gegenüberstellung obsolet macht. Heute versteht man auch viel besser, wie der Erwerb einer weiteren Sprache in ein übergreifendes Verständnis von Mehrsprachigkeit eingebettet ist. Zudem können wir sprachliche Kompetenzen nun klarer und präziser modellieren und auf den spezifischen Bedarf einzelner Gruppen von Lernenden abstimmen.
Besitzen DaZ-Lernende gegenüber DaF-Lernenden einen Vorteil beim Erwerb von Deutschkenntnissen bzw. einer Fremdsprache allgemein?
Wolfgang Steinig: Ja, DaZ-Lernende haben oft besonders vielfältige und vertiefte Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit gemacht. Sie wissen beispielsweise, dass sich sprachliche Ausdrücke meist nicht eins zu eins von einer Sprache in die andere übertragen lassen, sondern dass es auf den Gebrauch der sprachlichen Mittel ankommt. Sie haben Strategien entwickelt, um mit Kommunikationsschwierigkeiten über Sprachgrenzen hinweg umzugehen, aber auch, um in und zwischen verschiedenen kulturellen und sprachlichen Räumen zu vermitteln. Zudem erleben sie viele Anlässe, Sprache und Sprachen zum Gegenstand ihrer Überlegungen zu machen und metalinguistisch zu denken. Allerdings setzt sprachliches Lernen voraus, dass es eine reiche und kommunikativ anregende sprachliche Umgebung gibt – im Alltag, im Unterricht, im Beruf, in der Freizeit sowie im kulturellen und gesellschaftlichen Raum.
Mehrsprachigkeit wird also in der Regel als etwas sehr Positives angesehen. Trifft dies tatsächlich auf alle Sprachen zu?
Wolfgang Steinig: Ja, das trifft auf alle Sprachen zu. Es gibt keine „wertvolleren“ und „weniger wertvollen“ Sprachen. Sicherlich können manche Sprachen einen höheren oder niedrigeren „Marktwert“ haben, weil sie in der Wirtschaft, in der Wissenschaft oder in der öffentlichen Kommunikation häufiger oder weniger häufig genutzt werden, weil ihnen ein soziales Prestige zugewiesen wird oder weil es Druck durch eine bestimmte Sprachenpolitik gibt. Grundsätzlich gelten die Vorteile von Mehrsprachigkeit aber für alle Sprachen.
| Auszug aus: „Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ | 17.08.2026 |
| Die Bedeutung des Sprachenlernens für die Überwindung kultureller Grenzen | |
| Ob im Unterricht, in den soziale Medien oder im Alltag – überall sind wir umgeben von dem Klang unterschiedlicher Sprachen. Manche Sprachen begegnen uns dabei häufiger als andere, wodurch nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern ebenfalls unsere Sicht auf verschiedene Kulturen geprägt wird. Jedoch stellt der Sprachunterricht besonders für Eingewanderte eine Herausforderung dar. Denn fehlende Sprachkenntnisse führen oftmals zu erschwerter Integration und der Entstehung von kulturellen und sozialen Grenzen. mehr … | |
Heutzutage sind sowohl Lehrkräfte als auch Schüler/-innen mit einer Vielzahl an Sprachlern-Apps, digitalen Lernmodulen und weiteren Online-Angeboten konfrontiert. Welchen Einfluss hat das mediale Lernen für den DaF- und DaZ-Unterricht?
Hans-Werner Huneke: In der immer mehr von Digitalität geprägten Welt stehen auch für das Fremdsprachenlernen und -unterrichten viele neue Ressourcen zur Verfügung, von Wörterbüchern und vielerlei Medien in der Zielsprache über Lehrwerke und Portale zur Kooperation zu maschinellen Übersetzungsprogrammen, generativen (texterzeugenden) Werkzeugen und Kommunikationsplattformen. Sie können den Unterricht wirkungsvoll unterstützen. Zugleich sollte der Unterricht seinen Beitrag dazu leisten, sie kompetent und souverän verwenden zu können. Der besondere Reiz des Fremdsprachenlernens wird aber weiterhin darin bestehen, sich mit Menschen aus anderen Sprachen und mit anderen kulturellen und gesellschaftlichen Prägungen verständigen zu können – in der ganzen Spannbreite von der Irritation über gelingende Kooperation und Neugier bis zum Humor.
Zu guter Letzt: Was macht für Sie einen idealen DaF und DaZ-Unterricht aus?
Wolfgang Steinig: Zu den Merkmalen von gutem Unterricht gehört, dass er den Lernbedarf, die Lerninteressen und die bevorzugten Lernweisen der Lernenden kennt und benennen kann. Er wählt und bereitet die Gegenstände von sprachlichem, kulturellem und oft auch fachlichem Lernen passend dazu auf. Er aktiviert die Lernenden durch anregende Aufgaben, ermöglicht gut dosierte Hilfestellungen und hilft den Lernenden, ihren Lernfortschritt selbst einzuschätzen. Guter Sprachunterricht bezieht sich auf die Lebenswelt der Lernenden, insbesondere auf ihre Mehrsprachigkeit, sei es als Zweisprachige oder als Sprecherinnen und Sprecher weiterer Fremdsprachen. Guter Unterricht hat Verständigungs- und Formulierungsfähigkeit als Ziel und nutzt dazu vielfältige kommunikative Verfahren, um die Lernenden zum selbstständigen Denken und Handeln zu befähigen.
Lieber Herr Huneke, lieber Herr Steinig, wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche Interview!
Wenn Sie neugierig geworden sind, können Sie hier mehr lesen.
| Zu den Autoren |
| Prof. Dr. Hans-Werner Huneke war Lehrer für Deutsch und Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in Brasilien, Deutschland und Portugal, sowie Dozent an den Pädagogischen Hochschulen Ludwigsburg, Freiburg und Heidelberg. Seine Forschungsbiete umfassen Sprachdidaktik, Schriftspracherwerb und Didaktik Deutsch als Fremdsprache. Prof. Dr. Wolfgang Steinig hat als Germanist und Sprachdidaktiker an den Universitäten in Bangor (Wales), Enschede (Twente), Thessaloniki, München (LMU), Heidelberg (Pädagogische Hochschule) und zuletzt in Siegen gearbeitet. Er lehrte und forschte auf den Gebieten der Soziolinguistik, des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache sowie der Sprachdidaktik (Schreibforschung, Orthografie) und zum Sprachursprung. |
| Deutsch als Fremd- und Zweitsprache Von Hans-Werner Huneke und Wolfgang Steinig Diese bewährte Einführung wurde für die 7. Auflage aktualisiert und stark erweitert. Der Fokus liegt auf Theorien zum Zweitspracherwerb, dem gesteuerten und ungesteuerten Erwerb des Deutschen sowie auf Literaturdidaktik und Landeskunde/Kulturstudien. Dabei werden die Perspektiven von DaF und DaZ aufeinander bezogen. |
Programmbereich: Germanistik und Komparatistik