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Nachgefragt bei: Prof. Dr. Stephan Stein und Dr. Sören Stumpf
Twitter weiterempfehlen  19.07.2019

Stein: „Sprachgebrauch ist ohne Rekurs auf Musterhaftes praktisch nicht möglich“

ESV-Redaktion Philologie
Mit sprachlichen Strukturen beschäftigt sich das Autorenduo Prof. Dr. Stephan Stein und Dr. Sören Stumpf. (Fotos: privat)
Feste Strukturen gehören untrennbar zu jeder noch so alltäglichen Situation, in der kommuniziert wird. Doch wie können sie linguistisch untersucht werden? Wir sprachen mit Prof. Dr. Stephan Stein und Dr. Sören Stumpf über sprachliche Musterhaftigkeit und die verschiedenen Ebenen, auf denen sie uns begegnet.
Lieber Herr Stein, lieber Herr Stumpf, Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass sprachliche Musterhaftigkeit ein grundlegendes Kennzeichen unserer Sprache ist. Gilt das auch für diese aktuelle Interviewsituation?

Stephan Stein: Grundsätzlich ja, allerdings weisen Text- und Gesprächssorten in sehr unterschiedlichem Maße Ausprägungen von Musterhaftigkeit und Vorgeformtheit auf. In Interviews, wie im vorliegenden Fall mit thematischer Gebundenheit, ist nicht unbedingt ein Rückgriff auf bestimmte Formulierungen zu erwarten, sondern eher eine strukturelle Prägung charakteristisch: Die Rollen – Interviewer(in) und Interviewte(r) – sind klar verteilt, es findet ein regelmäßiger Sprecherwechsel statt und die Rolleninhaber sind im Normalfall auf ganz bestimmte Arten von Beiträgen, nämlich Fragen (stellen) und Antworten (geben) festgelegt.

In der Abfolge schlägt sich das nicht nur in thematischen Bezügen nieder, sondern vor allem darin, dass der gesamte Gesprächsablauf durch die Erwartbarkeit von solchen Frage-Antwort-Paaren geprägt ist. Gesprächslinguistisch ausgedrückt: Es gibt ein für die Gesprächssorte typisches Sequenzmuster (bzw. Adjazenzpaar), dessen einzelne Züge untereinander durch „bedingte Erwartbarkeit“ gekennzeichnet sind.

Ab wann würden Sie einen sprachlichen Ausdruck bzw. eine sprachliche Struktur als musterhaft bezeichnen?

Sören Stumpf: Zunächst muss man sich vor Augen führen, dass die sprachlichen Phänomene, die wir als musterhaft charakterisieren, sehr heterogen sind. So sind sprachliche Muster auf verschiedenen Sprachbeschreibungsebenen anzutreffen und sie erstrecken sich von lexikalisch stark verfestigten Einheiten (Phraseme, usuelle Wortverbindungen) bis hin zu abstrakten Strukturen (Satzmuster, Textmuster, Argumentationsmuster). Ungeachtet der Verschiedenheit der jeweiligen Gegenstände lässt sich jedoch ein übereinstimmendes wesentliches Grundmerkmal erkennen: In der Kommunikationspraxis tritt etwas – sprachliche Strukturen und Ausdrücke, Abläufe und Abfolgen, Entstehungsprozesse, Verwendungsanlässe und -motive – wiederholt auf, sodass im Ergebnis ein Produkt entsteht, dem etwas mehr oder weniger stark Wiedererkennbares anhaftet.

Grundlegendes Bestimmungsmerkmal für Musterhaftigkeit ist also, dass von Sprachteilhaber(inne)n in vergleichbaren Kommunikationszusammenhängen etwas – meist auf gesellschaftlich akzeptierte, wenn nicht sogar erwünschte und erwartete Weise, sofern sie eine oder sogar die sozial typisierte Art der Kommunikationsdurchführung darstellt – wiederverwendet wird.
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Sie beschreiben in Ihrem Werk eine Musterhaftigkeit, die sich über ganz verschiedene Bereiche der Linguistik erstreckt, so über die Wortebene, die Satzebene, die Textebene oder auch die Gesprächsebene. Kann man Ihr Buch also auch alternativ als eine Einführung in die Sprachwissenschaft allgemein lesen?


Stephan Stein: Auch wenn der Fokus auf Musterhaftigkeit und Vorgeformtheit liegt, ist eine umfassende Darstellung, wie wir sie angestrebt haben, nur möglich, wenn man alle relevanten Beschreibungsebenen berücksichtigt. Die dafür unverzichtbaren Grundlagen werden in jedem Kapitel in der notwendigen Kürze angesprochen, und insofern lässt sich das Buch ohne Weiteres als eine einführende Darstellung in wesentliche Bereiche der modernen Sprachwissenschaft lesen. Im Blick auf Studierende als Zielgruppe ist es aber sicher von Vorteil, wenn man das Grundlagenwissen, das üblicherweise in Einführungen in die germanistische Linguistik vermittelt wird, bereits mitbringt. Das Buch eignet sich dann als vertiefende Lektüre und erlaubt es, gleichsam durch die Brille von Musterhaftigkeit neue Facetten und Zusammenhänge zu erkennen – auch deswegen, weil in den meisten Kapiteln Bezüge zu konstruktionsgrammatischen Ansätzen hergestellt werden und darüber hinaus Musterhaftigkeit im Spracherwerb, in sprachlichen Varietäten und als Gegenstand von Sprachkritik behandelt wird.

Sie beginnen in jedem der insgesamt 10 Kapitel mit authentischen Sprachbeispielen, die das Buch sehr praxisnah machen. Wie lassen sich sprachliche Muster generell erforschen?

Sören Stumpf: Unser Begriffsverständnis von Mustern basiert auf der Annahme, dass als Bezugsgegenstand sprachlicher Musterhaftigkeit grundsätzlich authentische Sprachzeugnisse in erster Linie aus dem Bereich der Gebrauchstextsorten heranzuziehen sind. Deshalb erachten wir es aus methodischer Sicht als äußerst sinnvoll, wenn nicht sogar unumgänglich, für Analysen vorgeformter Einheiten stets Sammlungen authentischer schriftlicher oder mündlicher Äußerungen – sogenannte Korpora – heranzuziehen. Erst nach der empirischen Analyse größerer Datenmengen, die den realen Sprachgebrauch abbilden, können Aussagen über das Vorkommen und die Funktionen von musterhaften Einheiten und Strukturen gemacht werden. In unserem Buch geben wir deshalb auch einen Überblick über öffentlich zugängliche Korpora im deutschsprachigen Raum und wir zeigen anhand von praktischen Beispielen, welche Tools die Leser(innen) anwenden können, um diese Korpora im Hinblick auf sprachliche Muster zu untersuchen.

Bedeutet Musterhaftigkeit denn auch, dass die Sprachverwendung nur im Rahmen von vorgeformten Strukturen stattfinden kann? Schränkt sprachliche Musterhaftigkeit nicht gewissermaßen eine kreative Verwendung der Sprache ein?

Sören Stumpf: In der Sprachwissenschaft ging man lange Zeit davon aus, dass wir mittels eines endlichen Vorrats an Wörtern unendlich viele Sätze produzieren können. Das ist theoretisch gesehen nicht falsch, der Sprachgebrauch zeigt aber, dass es bei vielen Kommunikationsanlässen nicht notwendig beziehungsweise sogar unangemessen ist, etwa eine bestimmte sprachliche Handlung anders als mit einer verfestigten sprachlichen Einheit zu vollziehen – man denke zum Beispiel nur an Begrüßungs- und Verabschiedungsformeln. Sprecher(innen) sind dabei bereit, eine gewisse Beschränkung der Ausdrucksmöglichkeiten zu akzeptieren – zugunsten von Vorteilen wie Entlastung im Formulierungsprozess oder Verhaltenssicherheit, die die Vorgeformtheit mit sich bringt. Sprachliche Muster stehen dabei keineswegs einem kreativen und humorvollen Gebrauch von Sprache im Weg. So finden wir im Sprachgebrauch zahlreiche originelle sprachspielerische Abwandlungen von sprachlichen Mustern, die auch erst dann (richtig) verstanden werden können, wenn den Rezipient(inn)en die konventionalisierte Ausgangseinheit bekannt und präsent ist. Um ein Beispiel zu geben: „Knock, knock Gnocchi on Heavens Door“ als Headline eines Werbeplakats des Lebensmittel-Lieferdienstes Lieferando.

Welche Bedeutung kommt Musterhaftigkeit in Sprache und Kommunikation insgesamt zu?

Stephan Stein: Das ist deswegen schwer zu beantworten, weil es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was als (schon oder noch) musterhaft angesehen werden kann. Da wir ein sehr weit gefasstes Verständnis von Musterhaftigkeit für angebracht halten, das sich nicht allein in, wie sonst üblicherweise angenommen, Formen lexikalischer Geprägtheit niederschlägt, sondern auch Erscheinungsformen struktureller Prägung mit zum Teil variabel besetzbaren Leerstellen umfasst, kommt Musterhaftem und Musterhaftigkeit eine kaum zu unterschätzende Bedeutung zu. Das bestätigt auch die Forschungsentwicklung, da es in den letzten Jahren aus verschiedenen Richtungen (u. a. Phraseologieforschung und Parömiologie, Konstruktionsgrammatik, Korpuslinguistik mit sprachgebrauchsbezogenen Analysen von Mustern zwischen Variation und Konventionalisierung) sehr vielfältige Ansatzpunkte mit zum Teil neuen methodischen Verfahren und mit neuen Fragestellungen gibt, die wir bilanzieren wollten, um aufzuzeigen, dass Sprachgebrauch ohne Rekurs auf Musterhaftes praktisch nicht möglich ist.

Die Autoren
Prof. Dr. Stephan Stein ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Trier. Seine Dissertation über „Formelhafte Sprache“ ist der Untersuchung pragmatischer und kognitiver Funktionen vorgeformter sprachlicher Einheiten gewidmet. Darüber hinaus hat er sich umfassend u. a. mit Wortbildung, Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Text und Textsortenlinguistik beschäftigt. Er ist Mitherausgeber der Reihe „Sprache – System und Tätigkeit“.

Dr. Sören Stumpf ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Germanistischen Linguistik der Universität Trier. In seiner Dissertation über „Formelhafte (Ir)Regularitäten“ beschäftigt er sich mit scheinbar irregulären Einheiten und Strukturen innerhalb der Phraseologie. Zu seinen weiteren Arbeitsschwerpunkten gehören die Wortbildung und die Konstruktionsgrammatik. Er ist Mitherausgeber der internationalen Buchreihe „Formelhafte Sprache / Formulaic Language“.

Muster in Sprache und Kommunikation

Muster in Sprache und Kommunikation sind ein grundlegendes und überaus facettenreiches Merkmal natürlicher Sprachen. Sowohl schriftlich als auch mündlich greifen Sprachteilhaberinnen und Sprachteilhaber tagtäglich auf musterhafte Strukturen und Einheiten zurück.

Das Spektrum an sprachlichen Mustern umfasst nicht nur die in der herkömmlichen Phraseologie behandelten Wortverbindungen bzw. Phraseme. Vielmehr kommen vielfach variierte Muster überall in Sprache und Kommunikation vor, so etwa auf der Wort-, Satz- und Textebene, in Gesprächen und transtextuellen Diskursen.

Diese Einführung gibt einen Überblick über die Ausprägungen sprachlicher Muster der deutschen Gegenwartssprache. Anhand authentischer Beispiele werden die jeweiligen Charakteristika und die kommunikative Relevanz von Musterhaftigkeit herausgearbeitet.

 

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik

 
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