„Wir plädieren dafür, Phonetik mit Grammatik- und Wortschatzarbeit zu verbinden, mit Lyrik und Musik, mit Bewegung, Spiel und Spaß“
Kerstin Reinke: Die meisten Deutschlernenden wollen in der Fremdsprache Deutsch kommunizieren, sie wollen verstehen und verstanden werden. Das geht nicht ohne Kompetenzen im Aussprachbereich. Um neue Wörter lesen, schreiben, verstehen und sprechen zu können, brauchen die Lernenden vor allem Kenntnisse über Laut-Buchstaben-Beziehungen. Auch grammatische Strukturen sind fest mit der Phonetik verbunden und stellen mitunter große Herausforderungen hinsichtlich der Aussprache dar. Das betrifft z. B. den Vokalwechsel bei der Pluralbildung von Nomen (der Bruder – die Brüder) oder bei der Verbkonjugation (ich mag, du magst … wir mögen).
Ursula Hirschfeld: Sich eine „neue Aussprache“ anzueignen, ist für viele sehr schwierig, weil neben kognitiv zu erfassenden Regeln und Beschreibungen phonetischer Merkmale auch das Hören entwickelt werden muss. Laute und prosodische Formen zu erkennen und zu unterscheiden verlangt oft einen intensiven und systematischen Übungsprozess. Bereits sehr früh im Spracherwerbsprozess – eigentlich schon vor und grundsätzlich kurz nach der Geburt – bilden sich Hörstrategien und Hörmuster heraus, die zum Verstehen der Erstsprache(n) nötig sind und die dann sehr bald automatisiert ablaufen. Beim Erlernen einer Fremdsprache läuft kein derart automatisierter Prozess ab, hier müssen die neuen Hörmuster erst bewusstgemacht und gezielt geübt werden.
Kerstin Reinke: Außerdem müssen Sprechbewegungen erlernt werden, die in der Erstsprache vollkommen unbewusst ablaufen. Wie schwierig es ist, die Sprechmotorik zu verändern, zu erweitern, sieht am z. B. an einem logopädischen Training, das sich über Wochen und Monate erstrecken kann. Deutschlernende brauchen oft ähnliche Hilfestellungen, also kompetente Lehrpersonen und einen methodisch durchdachten Aussprache- bzw. Deutschunterricht. Lernenden fällt es oft sehr schwer, die in ihren Ausgangssprachen ungewohnten Sprechbewegungen auszuführen, weil ihre Sprechmuskulatur daran nicht gewöhnt ist. Sollte Phonetik im Fremdsprachenunterricht nicht thematisiert werden und bleibt die erforderliche Hilfe durch Lehrende aus, wenden Lernende entweder die nicht immer passenden Aussprachegewohnheiten aus der Ausgangssprache an oder sie versuchen, sich selbst ein Regelsystem herzuleiten und die Aussprache dementsprechend umzusetzen. Das ist aber oft nicht nur außerordentlich mühevoll, sondern meist wenig erfolgversprechend.
Was ist gute Aussprache?
Ursula Hirschfeld: Eine gute Aussprache ist text- und situationsangemessen. Sie ist deutlich und leicht verstehbar. Sie entspricht den Normen und Erwartungen der Kommunikationspartner/-innen, sichert die Verständlichkeit und garantiert die vollständige Übertragung aller inhaltlichen Informationen. Eine gute Aussprache ermöglicht ungestörte Gesprächsabläufe – ohne Nachfragen oder unerwartete Reaktionen der Gesprächspartner/-innen. Und sie bewirkt oft auch eine positive Bewertung der Sprechenden.
Kerstin Reinke: Umgekehrt entsprechen Ausspracheabweichungen, wie ein starker erstsprachlich geprägter („fremder“) Akzent, nicht den Normen und Erwartungen der deutschsprachigen Gesprächspartner/-innen. Ein starker fremder Akzent kann die Verständigung und das Verhältnis der Gesprächspartner/-innen zueinander beeinflussen, er kann zu Hemmungen in der Kommunikation führen. Fremdsprachige Merkmale in der Aussprache des Deutschen sind einerseits auffällig und oft mit Klischees und Vorurteilen verbunden, andererseits prägen sie das Persönlichkeitsbild eines Menschen.
Eine gute Aussprache ermöglicht insgesamt eine störungsarme Teilhabe an der Kommunikation. Ein noch erkennbarer leichter fremder Akzent muss dabei nicht unbedingt hinderlich sein, aber die wichtigsten Ausspracheregeln sollten praktisch gut umgesetzt werden.
| Auszug aus: „Phonetik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache“ | 27.04.2026 |
| Die Aussprache des Deutschen unterrichten | |
| Welchen Stellenwert lassen wir Aussprache im Erlernen sowie in der praktischen Anwendung einer Sprache zukommen? Unsere Aussprache hat nicht nur Einfluss darauf, ob wir verstanden werden, sondern auch auf die Wahrnehmung, die unsere Gesprächspartnerinnen und -partner von uns entwickeln – ob bewusst oder unterbewusst. Somit spielt die zu erwerbende phonologische Kompetenz eine nicht unbedeutende Rolle. mehr … | |
Welches deutsche Wort ist am schwierigsten für Lernende zu erlernen?
Ursula Hirschfeld: Interessanterweise wird das „wichtigste“ Wort im Deutschen von sehr vielen Lernenden weltweit zuerst nicht richtig ausgesprochen – das kleine Wörtchen „ich“, das sich auch in vielen anderen Wörtern findet, z. B. in nicht und Licht, wichtig und richtig.
Kerstin Reinke: Sehr viele Lernende benennen als schwierigste Wörter Eichhörnchen und Streichholzschächtelchen. Diese Wörter werden auch oft als Schibboleths bezeichnet. Sie verfügen somit über spezifische bzw. typische Laute und Lautkombinationen der deutschen Sprache. Auffällig an diesen beiden Wörtern sind neben dem Ich-Laut wie in ich komplexe Konsonantenstrukturen sowie der Ö-Laut in Eichhörnchen. Beides ist für viele Lernende schwierig.
Wie haben Sie die Vergleichssprachen ausgewählt, die im Buch erscheinen?
Ursula Hirschfeld: Wir haben Arabisch, Chinesisch, Englisch, Italienisch, Französisch, Italienisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch und Türkisch als Vergleichssprachen gewählt, weil es viele Deutschlernende mit diesen Herkunftssprachen gibt und sich hier auch die Kontraste im suprasegmentalen (Akzentuierung, Sprechmelodie, Rhythmus) und segmentalen Bereich (Vokale, Konsonanten, Verhältnis Schrift – Aussprache) sehr deutlich herausarbeiten lassen. Es geht aber nicht nur um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen diesen Sprachen und dem Deutschen, wir geben auch konkrete Hinweis zu Lehr- und Lernschwerpunkten.
Kerstin Reinke: Darüber hinaus haben wir auch solche Sprachen ausgewählt, die vergleichsweise zwar noch nicht so häufig als Ausgangssprachen von Deutschlernenden anzutreffen sind wie z. B. Kurmanci, Malayalam oder Romani. Es handelt sich dabei um Sprachen, deren Phonetik bisher wenig beschrieben wurde und fast nie gibt es vergleichende Studien, die sich Unterschieden und Gemeinsamkeiten zur Zielsprache Deutsch widmen. Somit können wir Lernenden mit diesen Ausgangssprachen, die es natürlich gibt, sowie ihren Lehrenden erstmals Hilfestellungen beim Erlernen und Vermitteln der Aussprache des Deutschen geben.
Es gibt bereits viele weitere Sprachen in der Kontrastiven Phonetik als Einzelsprachen zu erwerben. Was sind hier Ihre weiteren Pläne?
Kerstin Reinke: Wir wollen noch in diesem Jahr die 70 geplanten kontrastiven Beiträge abschließen und sind dabei, ergänzend zu diesen Beschreibungen ein Audiokorpus mit „Ausspracheporträts“ zu einzelnen Herkunftssprachen zu erstellen. Hier werden individuelle Ausspracheprofile sowohl in der Erstsprache als auch in der Zielsprache Deutsch hörbar gemacht.
Ursula Hirschfeld: In unseren kontrastiven Beiträgen (http://Kontrastive-Phonetik.ESV.info) haben wir auf die Lernenden-Porträts der Deutschen Welle verwiesen, die es aber nicht mehr gibt. Wir wollen nicht nur einen Ersatz dafür schaffen, sondern anhand von Audioaufnahmen melodisch-rhythmische und artikulatorische Merkmale, Strukturen und Regularitäten der jeweiligen Erstsprache sowie deren Einfluss auf das Deutsche erfassen und Deutschlehrenden zur Verfügung stellen.
Was ist Ihr ganz persönlicher Tipp für guten Ausspracheunterricht?
Ursula Hirschfeld: Alles steht und fällt mit den fachlichen und methodischen Kompetenzen der Lehrenden. Ausspracheübungen sollten nicht isoliert am Rande des Unterrichts angeboten werden, sie sollten in vielfacher Weise integriert werden. Wir plädieren dafür, Phonetik mit Grammatik- und Wortschatzarbeit zu verbinden, mit Lyrik und Musik, mit Bewegung, Spiel und Spaß.
Kerstin Reinke: Dafür geben wir in unserem Buch Anregungen und viele konkrete Übungsvorschläge. Außerdem gehört zum Buch ein kostenloses Zusatzmaterial mit Arbeitsblättern und Audiotracks zu sechzehn phonetischen Schwerpunkten für Lernende ab Sprachniveaustufe A2/B1 (http://Phonetik-Arbeitsblaetter.ESV.info). Die Arbeitsblätter enthalten Übungsfolgen zum jeweiligen Schwerpunkt, die sich an bewährten Übungstypologien für den Ausspracheunterricht orientieren.
Übungstypologie bedeutet, dass jedes phonetische Thema anhand einer festgelegten Übungsabfolge bearbeitet werden sollte, um den Lern- und Erwerbsprozess im Ausspracheunterricht optimal zu steuern: Mithilfe eines sogenannten Einstiegstextes kann zuerst das phonetische Thema verdeutlicht werden, z.B. die langen und kurzen Ö- und Ü-Laute. Gleichzeitig transportieren solche Texte den typischen Sprechrhythmus des Deutschen. Danach wechseln sich Hör- und Nachsprechübungen sowie weitere auch produktive bzw. kreative Übungsformen ab und wichtige Ausspracheregeln werden bewusstgemacht. Den Abschluss jeder Übungsfolge bilden Anwendungsübungen. Hier kann man den Einstiegstext auf einem höheren Niveau wiederholen oder anspruchsvolle kommunikative Übungen durchführen, z. B. Diskussionsgespräche trainieren, in denen bestimmte phonetische Schwerpunkte vertreten sind.
| Zu den Autorinnen |
| Prof. Dr. Ursula Hirschfeld ist seit 1999 Professorin für Sprechwissenschaft mit dem Schwerpunkt Phonetik. Sie arbeitete bis 1998 am Herder-Institut der Universität Leipzig zunächst in der Forschungsabteilung, dann im Studiengang Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Forschungsschwerpunkte sind Phonologie und Phonetik des Deutschen, auch im Kontrast zu anderen Sprachen, die Entwicklung von Aussprachenormen in der deutschen Standardsprache und Phonetik in DaF/DaZ. Sie ist Autorin und Mitautorin von zahlreichen Publikationen zu diesen Themenbereichen. Prof. Dr. Kerstin Reinke ist Professorin für sprechwissenschaftliche Phonetik. Sie war von 1982 bis 2018 am Herder-Institut der Universität Leipzig im Studiengang Deutsch als Fremd- und Zweitsprache für den Fachbereich Phonetik/Phonologie/Rhetorik zuständig. Seit 2018 arbeitet sie freiberuflich ebenfalls im Fachbereich DaF/DaZ. Sie ist Autorin und Mitautorin zahlreicher Lehr- und Lernmaterialien mit dem Schwerpunkt‚ Phonetik in DaF und DaZ‘. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte im Bereich DaF/DaZ sind die Grundlagen der Phonetik/Phonologie, didaktisch-methodische Themen der Aussprachevermittlung, Phonetik aus sprachvergleichender Perspektive und Rhetorik unter interkulturellem Aspekt. |
| Phonetik im Fach Deutsch als Fremd- und Zweitsprache
Dieses Lehrbuch wendet sich an Lehrende und Studierende von Deutsch als Fremd- und Zweitsprache in Deutschland und in aller Welt. Es behandelt in verständlicher, anschaulicher und anregender Darstellung für DaF/DaZ relevante Aspekte der Phonologie und Phonetik im Zusammenhang mit der Orthografie. Es informiert über den aktuellen Forschungsstand und vermittelt einen bibliographischen Überblick. |
Programmbereich: Deutsch als Fremdsprache