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Figurengedicht in Form eines Kreislabyrinths auf Basis eines Sonetts (Foto: Archiv von Évora)
Nachgefragt bei Prof. em. Dr. Ulrich Ernst

„Zahlen spielen in der Literatur eine wesentlich größere Rolle, als man zunächst vermuten würde”

ESV-Redaktion Philologie
08.09.2026
Der kulturelle und wissenschaftliche Stellenwert literarischer Werke ist heutzutage gesellschaftlich unumstritten. Literatur nimmt einen wichtigen Platz in theoretischen Diskursen ein und verbindet als Informations- und Kommunikationsmedium eine Vielzahl an Forschungsgebieten, wodurch interdisziplinäre Thematiken entstehen. Dies trifft auch auf das Forschungsgebiet der Zahlenkomposition zu, welches die Grenzen zwischen Literatur und Mathematik verschmelzen lässt. Doch was hat es mit diesem komplexen Begriff auf sich?
In seinem Werk Zahlenkomposition. Mathematisches Kalkül und literarische Transformation. Hybride Ästhetik im Wandel der Kulturen untersucht Ulrich Ernst Zahlensymboliken in verschiedenen literarischen Gattungen und analysiert diese mithilfe einer kulturgeschichtlichen Perspektive – von der Bibel bis hin zur digitalen Poesie. In unserem Interview erläutert er verschiedenste Zahlenkompositionen im Verlauf der Zeit und geht unter anderem darauf ein, wie sich deren Einfluss in der Literatur widerspiegelt.

Lieber Herr Professor Ernst, Literaturwissenschaft und Mathematik lassen sich auf den ersten Blick nicht miteinander verknüpfen – und doch befassen Sie sich in Ihrem Buch mit Zahlenkomposition als „hybrider Ästhetik“. Inwiefern spielen Ziffern in der Literatur eine Rolle?


Ulrich Ernst: Auf den ersten Blick scheinen Literaturwissenschaft und Mathematik tatsächlich wenig miteinander zu tun zu haben. Schaut man jedoch genauer hin, spielen Zahlen in der Literatur eine wesentlich größere Rolle, als man zunächst vermuten würde. Um solche Zusammenhänge sichtbar zu machen, ist ein literaturwissenschaftlicher Zugang hilfreich, der über einzelne Epochen und Nationalliteraturen hinaus nach strukturellen Gemeinsamkeiten fragt. Zahlen begegnen uns in literarischen Texten auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Sie können bereits die kleinsten Strukturen prägen, etwa das Versmaß eines Gedichts, aber auch den Aufbau von Kapiteln oder die Gliederung ganzer Werke. Viele literarische Gattungen sind sogar durch bestimmte Zahlenmuster gekennzeichnet: Man denke an das aus Quartetten und Terzetten bestehende Sonett oder die auf der Sechszahl basierende Sestine in der Lyrik, an den Ein-, Drei- und Fünfakter im Drama oder an Boccaccios Decamerone, das als Zehn-Tage-Werk mit hundert Novellen konzipiert ist. In meinem Buch untersuche ich solche Zahlenstrukturen nicht nur als formale Ordnungsmuster, sondern auch als ästhetische Gestaltungsmittel. Deshalb spreche ich von einer „hybriden Ästhetik“, in der mathematische Konstellation und literarische Kunst auf besondere Weise zusammenwirken. 

Auf älteren Beiträgen basierend und durch neue Beiträge ergänzt, verläuft Ihre Untersuchung diachron. Können Sie die wichtigsten Entwicklungen kurz skizzieren?

Ulrich Ernst: In der Geschichte der Zahlenkomposition hat es zahlreiche interessante Entwicklungen gegeben. Bereits in der Antike begegnen uns zahlenbasierte Kompositionsformen, etwa in der jüdischen Literatur mit den fünf Büchern Mose, im christlichen Kanon mit den vier Evangelien oder in der griechischen Literatur mit Homers Ilias, die in 24 Gesänge gegliedert ist. Auch die römische Literatur weist charakteristische numerische Strukturierungen auf, insbesondere bei dem Klassiker Vergil und dem Hofdichter Konstantins des Großen Optatianus Porfyrius. Im Mittelalter sind insbesondere die Figurengedichte des Praeceptor Germaniae Hrabanus Maurus hervorzuheben, der einen auf Kaiser Ludwig den Frommen bezogenen Zyklus von 28 Carmina figurata schuf und dabei auf die Vorstellung des Numerus perfectus zurückgriff. Einen weiteren Höhepunkt bildet die Renaissance mit der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri, deren gesamte Architektur von triadischen Strukturen geprägt ist – von den drei Jenseitsreichen in jeweils 33 Gesängen bis hin zu den basalen, durchgängigen Terzinenstrophen. In der Neuzeit finden sich entsprechende Verfahren unter anderm bei Johann Wolfgang von Goethe in Hermann und Dorothea, das nach dem Vorbild von Herodot aus neun nach den Musen benannten Gesängen besteht, sowie bei E. T. A. Hoffmann, dessen Novelle Der goldne Topf in zwölf Vigilien (Nachtwachen) gegliedert ist. Besonders intensiv wird die Verbindung von Literatur und Mathematik schließlich von den Avantgarden des 20. Jahrhunderts aufgegriffen: Vor allem Dadaismus und Futurismus experimentieren mit Zahlen, Reihen, Permutationen und formalen Ordnungsprinzipien und eröffnen damit neue Möglichkeiten literarischer Gestaltung.

Ein einschlägiges Beispiel einer Zahlenkomposition ist Kurt Schwitters’ Zahlengedicht. Zur Erinnerung: Wodurch zeichnet sich dieses lyrische Genre aus und wofür ist Schwitters noch bekannt?

Ulrich Ernst: Für Kurt Schwitters sind vor allem seine Zahlengedichte charakteristisch, die aus diversen Signaturen, Zahlzeichen, Zahlwörtern oder Bruchzahlen bestehen können. Bekannt ist Schwitters auch durch seine novellenaffine Erzählung Auguste Bolte, in der Zahlen eine wichtige Rolle für den Aufbau und die Dynamik des Textes spielen. Sein wohl berühmtestes Werk ist jedoch die Ursonate (auch Sonate in Urlauten), ein Hauptwerk der avantgardistischen Lautdichtung. Sie orientiert sich bei ihm an der Form einer klassischen Sonate und verknüpft sprachliche, musikalische und rhythmische Strukturen auf experimentelle Weise. Auch in seinen Collagen begegnen uns immer wieder Zahlen und Ziffern, etwa auf Rabattmarken, Geldscheinen oder Straßenbahnbillets. Diese Fundstücke spiegeln Schwitters’ Interesse an den Stoffen der modernen Großstadt wider, dies im Rahmen einer Poetik der Materialität und Urbanität. Über Schwitters hinaus hat die Zahlendichtung weitere Autoren beeinflusst. So ließ sich etwa in der Konkreten Poesie der Vertreter der Wiener Gruppe, Gerhard Rühm, zu zahlreichen Zahlengedichten inspirieren.
 
Auszug aus: „Zahlenkomposition. Mathematisches Kalkül und literarische Transformation. Hybride Ästhetik im Wandel der Kulturen“ 08.09.2026
Das literarische Spiel mit den Zahlen
Zahlen tragen Bedeutung – beginnend bei Homers Odysse bis hin zu Hesses Steppenwolf zeugen sie literarisch verarbeitet vom menschlichen Bedürfnis nach Ordnung und Struktur. Zudem finden Zahlen regen Gebrauch in unserem kulturellen Alltag, spiegelt sich doch beispielsweise die göttliche Dreiteilung christlichen Glaubens im musikalisch als perfekt begriffenen Takt wider. mehr …

Sie beziehen sich oft auf den Begriff der ‚Zahlenallegorese‘. Was ist unter dieser Methode zu verstehen?

 
Ulrich Ernst: Unter Zahlenallegorese versteht man die Interpretation von Zahlen als Träger einer tieferen Bedeutung, oft mit einem metaphysischen Ansatz. Speziell handelt es sich um die schon in der Patristik entwickelte Bibelexegese nach dem mehrfachen Schriftsinn. Ein berühmtes Beispiel findet sich im Evangelienbuch des ersten namentlich bekannten deutschen Dichters, Otfrid von Weißenburg. Dort werden verschiedene Bibelstellen durch ausführliche Auslegungen ergänzt, die als Exkurse mit eigenen Überschriften versehen sind: spiritaliter, moraliter, mystice. Symbolisch bedeutsam ist in dem gereimten volkssprachigen Epos die Spannung zwischen der Vierzahl der Evangelien und der Fünfzahl der Bücher, die Otfrid mit den Kategorien der aequalitas und inequalitas in Verbindung bringt. Während die Vierzahl auf die Tetrade der Evangelien verweist, signifiziert die Fünfzahl die fünf sündhaften Sinne des Menschen, die durch die Lektüre der vier Evangelien in vier geistliche Sinne verwandelt werden sollen. Theoretisch von Relevanz sind die Regeln der Zahlenallegorese, wie sie Hugo von St. Viktor im 12. Jahrhundert entwickelt hat, unter anderm mit Zerlegung der Zahlen in Summanden und Faktoren oder vollkommenen und unvollkommenen Zahlen.

Eine weitere häufige Referenz Ihrer Ausführungen ist die Gruppe ‚Oulipo‘. Um welches Akronym handelt es sich hierbei?
 
Ulrich Ernst: Oulipo ist das Akronym für Ouvroir de littérature potentielle, was sich als „Werkstatt für potentielle Literatur“ übersetzen lässt. Die Gruppe wurde 1960 von François Le Lionnais und Raymond Queneau gegründet und verfolgte das Ziel, neue literarische Möglichkeiten mithilfe formaler Regeln und mathematischer Verfahren zu erschließen. Besonders bekannt wurde Oulipo durch Experimente mit Kombinatorik, Permutation und anderen strukturellen Verfahren. Literatur sollte nicht allein aus Inspiration entstehen, sondern auch aus bewusst gesetzten Regeln, sogenannten Contraintes, die neue kreative Möglichkeiten eröffnen. Ein berühmtes Beispiel ist Raymond Queneaus Werk Cent mille milliards de poèmes (Hunderttausend Milliarden Gedichte). Es besteht aus zehn Sonetten, deren Verse beliebig miteinander kombiniert werden können. Dadurch entstehen 100 Billionen verschiedene Gedichte. Würde man alle Möglichkeiten lesen wollen, wäre man über Millionen von Jahren beschäftigt. Das Werk zeigt eindrucksvoll, wie eng Literatur und Mathematik miteinander verbunden sein können.
 
Zu guter Letzt: Auch Umberto Ecos Der Name der Rose haben Sie analysiert. Worauf sollten unsere Leserinnen und Leser achten, wenn sie sich mit der Brille der Zahlenkomposition den Romanklassiker erneut vornehmen?

Ulrich Ernst: Wer Der Name der Rose noch einmal unter dem Gesichtspunkt der Zahlenkomposition liest, wird schnell feststellen, dass Zahlen weit mehr sind als bloße Dekoration. Der ‚Klosterkrimi‘ ist in sieben Tage gegliedert. Die Siebenzahl erinnert zum einen an die sieben Schöpfungstage und spiegelt die klösterliche Lebensform mit den Stundengebeten. Zum andern bildet sie das Gerüst der Handlung, denn die Mordserie entfaltet sich über genau diesen Zeitraum. Einen kabbalistischen Einschlag verrät der spätere Roman Das Foucaultsche Pendel, der in 10 Teile gegliedert ist, die mit den 10 Sephirot der jüdischen Mystik bezeichnet werden, die am Beginn des Werkes dem Leser in Gestalt eines Baumdiagramms präsentiert werden. Auf ein Charakteristikum des postmodernen Romans mit seinem Faible für Verschwörungen und Geheimbünde verweist die infrastrukturelle Gliederung in 120 Kapitel, ist diese Zahl doch eine Art Zahlencode für die Rosenkreuzer.
 
Vielen Dank für dieses erkenntnisreiche Interview!

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Zum Autor
Prof. em. Dr. Ulrich Ernst war Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Ältere und Neuere Germanistik an der Bergischen Universität Wuppertal. Er ist Gründer der Forschungsstelle Visuelle Poesie, ausgewiesen durch zahlreiche Publikationen. Seine Forschungsgebiete umfassen Mediävistik, Komparatistik, Literaturtheorie und Buchgeschichte.

Zahlenkomposition. Mathematisches Kalkül und literarische Transformation. Hybride Ästhetik im Wandel der Kulturen
Von Ulrich Ernst

In der Literatur haben Zahlen weitaus mehr als nur eine rein formale Funktion. Im vorliegenden Band über Zahlenkomposition befasst sich Ulrich Ernst – ausgehend von frühen eigenen Studien – mit der Analyse numerologischer Gliederungssysteme in diversen literarischen Gattungen. Die Darstellung beginnt mit Werken der Antike, die im Licht spätantiker und mittelalterlicher Deutungen interpretiert werden. Anschließend zeigt sie anhand der extrem materialreichen Zahlenenzyklopädie der Renaissance die Tradition der Zahlensemiotik auf.
Bei der Behandlung von literarischen Tendenzen in der frühen Neuzeit gerät sowohl die visuelle Dichtung in Form von geometrischen Strukturen als auch die barocke Kasualpoesie in Gestalt permutativer Kreuzwortlabyrinthe in das Blickfeld. Es folgen die Moderne mit experimentellen Romanen, deren Baupläne der Ordnungssystematik von Künsten (z.B. Architektur, Musik, Malerei) und Spielen (Tarot, Schach) verpflichtet sind, sowie Ausführungen zur neoavantgardistischen Konkreten Poesie.
Im Anschluss wird eine Typologie der Zahlendiskurse aus kulturhistorischer Perspektive entwickelt. Die Schlussbetrachtung beschäftigt sich mit literarischen Metaebenen und maschinell produzierten Formen von Literatur und soll zu weiteren Forschungen anregen.

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik